Biografie

Kindheit und Flucht (1940–1945)
Hans Max Harald Gerlach (geb. Schnieber) wird am 7. März 1940 als Sohn eines Fuhrunternehmers im niederschlesischen Bunzlau geboren. Wesentliche Zeit seiner frühen – noch unbeschwerten - Kindheitstage verbringt er im Haus seiner Großeltern im nahen Kittlitztreben – einstige Produktionsstätte für Bunzlauer Ton: „Die Küche war der alte Brennofen, und in dieser Küche bin ich aufgewachsen.“
Diese heile Kindheitswelt bricht im Frühjahr 1945 jäh zusammen: Mit dem Heranrücken der Front beginnt für die Familie eine Flucht, die sich wie ein Riss durch die frühen Erinnerungen des Kindes zieht: Der Treck aus Kriegsflüchtigen, in dem sie sich Richtung Westen bewegen, wird immer wieder von Tieffliegern bedroht. Nächte im Freien, überfrorene Wege, der Gestank verbrannter Bauernhöfe, Ruinenstädte im Feuerschein.
Über Stationen in Sachsen und an der Neiße gelangt die Familie schließlich ins südthüringische Grabfeld. Zunächst lebt Gerlach mit seiner Familie in Haina, dem Geburtsort der Mutter, und ab 1950 in Römhild unter den Gleichbergen. Hier, in einer kleinstädtisch-bäuerlichen Welt mit reicher Geschichte – keltische Fliehburgen, spätgotisches Schloss, Grenzlage an der innerdeutschen Grenze – findet er jene „Ackerprovinz am Rand des Vergessens“, die er später zu einer seiner literarischen Hauptlandschaften machen wird.
Leben im Grabfeld (1945–1960)
Die frühen Schuljahre in Haina sind geprägt vom schmerzhaften Bewusstsein, ein „Zugewanderter“ oder zugespitzter: der „Polacke“ zu sein, wie ihn die Dorfkinder verspotten und tagtäglich mit körperlicher Gewalt auch fühlen lassen.
Er findet Zuflucht in den Berichten und zahllosen Erzählungen des ehemaligen Försters Gundelwein, der sich als Einsiedler „unter die Gleichberge“ zurückgezogen hat und ihm die Historie des Grabfelds und einen tiefen Blick der umliegenden Flora und Fauna ermöglicht. In dieser doppelten Schule – Natur und Überlieferung – legt sich der Grund für Gerlachs späteres Erzählen: Landschaft ist nicht bloße Kulisse, sondern Gedächtnis.
Nachdem er 1958 das Abitur in Meiningen absolviert, versucht er seinen Eintritt in das akademische Bildungssystem der DDR, was ihm aufgrund seiner Kriegsdienstverweigerung für die Volksarmee – jedoch verwehrt bleibt. Es folgen eine abgebrochene Schriftsetzerlehre, gefolgt von einem Jahr harter körperlicher Arbeit im Basaltsteinbruch von Römhild, mit der Zielsetzung Journalistik zu studieren.
Anschließend absolviert er ein Volontariat in der Landwirtschaftsredaktion einer Zeitung. Die Fahrten über die südthüringischen Dörfer während dieser Zeit prägen ihn nachhaltig: Landschaft, Arbeit und Menschen öffnen ihm einen vielschichtigen Blick auf das Grabfeld und seine sozialen Strukturen. Das schließlich begonnene Studium gibt er bereits nach wenigen Monaten wieder auf— zu eng geschnürt das journalistische Denkkorsett der DDR.
Republikflucht, „Italienische Reise“ und ihre Konsequenzen (1960/61)
Und so unternimmt Gerlach Anfang der 1960er Jahre den radikalsten Schritt seines jungen Lebens: Staatsflucht aus der DDR. Von Ost-Berlin aus gelangt er in den Westteil der Stadt, kauft ein Flugticket nach Hannover, geht nach Friedland, erhält dort die westdeutschen Papiere und macht sich bald darauf – in Sandalen und mit Goethes „Italienischer Reise“ – auf den Weg über die Alpen.
Die Reise gleichsam eindrucksvoll, doch stets auch existenziell fordernd: Parma, Verona, Genua, Schlafstellen in Herbergen, Hunger, Einsamkeit, aber auch das Aufblitzen jener Orte, an denen Kunst und Geschichte ineinandergreifen. Gerlach sucht Arbeit, findet keine, und kommt schließlich, mehr getrieben als geleitet, zurück Richtung Norden.
An der Grenze nach Thüringen endet im Juni 1961 seine Wanderung. Er wird festgenommen, im Stasi-Gefängnis in Meiningen stundenlang verhört; die Staatssicherheit hält ihn für einen eingeschleusten Spion. Zunächst wird er für zehn Tage nach Eisenach in Quarantäne gebracht; anschließend wird Erfurt ihm als Wohnort zugewiesen.
Die Strafe ist Zwangsarbeit: Zunächst Arbeit in einer Kiesgrube, dann als Totengräber. Gerlach darf nicht nach Römhild, die alte Heimat liegt in der Sperrzone. Mit jedem Kontrollpunkt wird ihm bewusst, wie sehr das Land, das er nie ganz verlassen wollte, ihn nun festhält.
Später wird Gerlach über Reise und deren Konsequenzen sagen: „Ohne dieses Grunderlebnis wäre ich nie Schriftsteller geworden. Nach dieser Reise ist meine Biographie viel freier geworden. Und ich hätte sie nicht so durchgestanden, wie es geschehen ist. Ich war plötzlich in der Lage, meine Gleichberg-Provinz in ein richtiges Verhältnis zu setzen. Nun war mir klar. Die DDR oder die Existenz der DDR ist kein zulänglicher Gegenstand für Kunst. Dazu war der Entwurf zu klein, zu kurz, zu banal.“
Theaterjahre und frühe Dichtung (1962–1976)
1962 ruft Gerlach im Theater Erfurt an, um nach Arbeit zu fragen. Welcher Art sei ihm egal. So wird er dort zuerst Hofarbeiter, dann Tischlergehilfe, später Mitarbeiter im Malsaal und schließlich Bühnentechniker. Die Bühne wird zu seinem zweiten Bildungsgang, das Theater zum Ort, an dem er Sprache, Plastik und Musik zu einem eigenen Denken fügt. Neben der Arbeit absolviert er ein Fernstudium und wird 1968 Theatermeister und anschließend Dramaturg und Hausautor an den Städtischen Bühnen Erfurt.
Es sind diese Jahre die ihn an die eigene Dichter-Werdung heranführen. Als Schlüsselmoment erlebt er eine radioübertragene Lesung Johannes Bobrowskis im NDR 1962. Bobrowskis Verbindung von Landschaft, Geschichte und poetischer Verdichtung wirkte wie eine Erlaubnis, die eigene Herkunft – Schlesien und das Grabfeld – zum literarischen Stoff zu machen. Isaak Babel und der späte Günter Eich – wird Gerlach später sagen waren „noch einmal eine Revolution […] für mich“.
1972 erscheinen durch Unterstützung des Lyrikers Reiner Kunze erste Gedichte Gerlachs im renommierten Poesiealbum (Nr. 56). Das Heft wird für viele spätere Kritiker zum eigentlichen Debüt: Ein Auftauen eines bis dahin nur privat existierenden Werkes. Typisch ist bereits die Themenlage: Der verlorene schlesische Ursprung; die Gleichberge und das Grabfeld als mythisch aufgeladene Erfahrungslandschaft; der Versuch, mit dem „Riß der Geschichte“ (Flucht, Vertreibung, DDR-Enge) künstlerisch zu leben; ein poetischer Ton, der archaisches Erzählen und moderne Brüchigkeit verbindet.
1973 folgt der Debütband „Sprung ins Hafermeer“. Er wird zu seinem frühen poetischen Durchbruch. Zentrale Motive sind die südthüringische Landschaft als Gegenbild zu politischer Enge; die Suchbewegung des „zurückgelassenen Kindes von 1945“; das Ineinander von Mythos, Naturbeobachtung und existenzieller Nüchternheit und die Erfahrung, dass Heimat nicht Besitz, sondern Erinnerung, Sehnsucht und Sprache ist. Der Band markiert literaturhistorisch die Einordnung Gerlachs als Teil jener DDR-Autoren, die sich keiner politischen Strömung unterordnen, sondern aus einem inneren Biographiestoff schreiben, der stärker europäisch als „ostdeutsch“ geprägt ist.
In diesen Jahren beginnt Gerlach, an jenem Stoff zu arbeiten, der ihn später in die gesamtdeutsche Öffentlichkeit bringt: dem Jugendwerkhof im Schloss Glückburg in Römhild. Jener Institution, in der sein eigener Vater nach 1945 als Leiter tätig war und deren Atmosphäre Gerlach als Kind aus unmittelbarer Nähe erlebte und deren Bezeichnung im Volksmund er als „Das Graupenhaus“ 1976 (erschienen im Aufbau-Verlag) als Titel seines Erzählwerkes wählte. Das Buch zeigt die Nachkriegs-Landschaft, deren moralische Katastrophe nicht durch neue Ideologie überformt werden kann.
In Gerlachs Heimatstadt Römhild löst das Buch eine Form „literarischer Explosion“ aus. Viele Bürger erkennen sich – oder glauben, sich zu erkennen. Es kommt zu offenen Anfeindungen bei einer Lesung. Nur wenige verteidigen den Autor. Die Konfrontation lässt Gerlach schmerzhaft erfahren, wie dünn die Decke des Vergessens ist und wie wenig die DDR bereit ist, ihre eigene Nachkriegsgeschichte selbstkritisch zu sehen. Diese Erfahrung prägt ihn als Schriftsteller dauerhaft: Er schreibt fortan noch bewusster gegen Verklärung, Stillstellung oder ideologische Zuschreibung. Später wird „Das Graupenhaus“ filmisch als „Das Graupenschloss“ adaptiert und 1982 im Fernsehen der DDR erstausgestrahlt.
Spannungsjahre mit und in der DDR (1977–1989)
Mit dem Jahr 1977 beginnt für Harald Gerlach eine Phase, in der sich die Spannungen zwischen seinem poetischen Selbstverständnis und den kulturpolitischen Erwartungen der DDR unübersehbar verdichten. Anlass ist nicht nur die literarische Entwicklung des Autors selbst, sondern die politische Atmosphäre der späten 1970er Jahre: die Ausbürgerung Wolf Biermanns (1976), der Druck auf unabhängige Stimmen, und das allmähliche Erstarren der offiziellen Kulturpolitik.
In den Werkstätten, Probenräumen und Nachtgesprächen des Theaters entsteht eine produktive Spannung: Theater wird für ihn Überlebensstrategie, ein Ort, an dem er zugleich versteckt und sichtbar schreiben kann. Gerlach reagiert auf die politischen Verwerfungen seiner Zeit — insbesondere auf die Vertreibung Reiner Kunzes — nicht mit offenen Pamphleten, sondern mit einer dichterisch-historischen Parabel. Er greift eine Figur aus der frühen Aufklärung auf: den schlesischen Lyriker Johann Christian Günther (1695–1723), der an gesellschaftlichen und konfessionellen Zwängen zerbrach.
In dieser Spiegelung erkennt Gerlach die Lage des Gegenwartsautors. Entsprechend entsteht das Theaterstück „Die Straße“ (1977/78): ein Drama über einen Dichter, den die Umstände aus seinem Land drängen. Gerlach verstand das Stück selbst als Versuch, „den einfachen Theatergänger begreifen zu lassen, dass ein Autor in der DDR immer zwischen Anpassung und Vertreibung steht.“
Das Manuskript sorgt bereits vor seiner Premiere für Unruhe. Gerlach diskutiert das Stück in einem kleinen Kreis — und die Stasi dokumentiert jedes Wort. Die Parallelen zu Biermann und Kunze werden registriert, und wenig später folgt die administrative Reaktion: Die Uraufführung wird kurzfristig verboten. Die offizielle Begründung ist grotesk: Die Barockkostüme seien „nicht vollständig knopfbesetzt“. Erst Monate später, darf das Stück doch gezeigt werden.
Der entscheidende Bruch im Verhältnis zur DDR-Kulturpolitik vollzieht sich 1982/83. Gerlach arbeitet an einer Komödie über das Vorzeigeschicksal des Staates: Adolf Hennecke, Gründungsfigur des sozialistischen Aktivismus, dessen Überschreitung der Norm zu einer moralischen wie biografischen Verwerfung führte. Gerlach geht es nicht um Demaskierung der Person, sondern um eine Grundfrage der Diktatur: Wie wird der Einzelne durch das System vereinnahmt, und wie zerbricht er daran? Das Stück „Die Schicht“ wird zunächst für die Uraufführung am Erfurter Theater vorgesehen. Doch schon die Proben geraten zur Farce: Textteile verschwinden, Passagen werden entschärft, Sinnstrukturen verzerrt — bis Gerlach selbst einschreitet und die Premiere untersagt. Die Theaterleitung ignoriert den Autor und bringt eine kastrierte Version dennoch heraus. Für Gerlach ist dies der Punkt, an dem jede Zusammenarbeit untragbar wird: Er kündigt seine Stelle am Theater Erfurt. Damit verliert die DDR einen seiner eigenständigsten Theaterautoren.
Parallel schreibt Gerlach sein Stück „Der Pfahl“, in dem er den in Haina geborenen Wiedertäufer Hans Hut in den letzten Stunden seines Lebens zeigt. Es ist ein Drama über Gewissen, Widerstand und das Weiterwirken einer Idee. Das Stück darf zwar 1983 im Band „Spiele“ gedruckt werden, doch jede geplante Inszenierung wird verhindert. In der DDR aufgeführt wird es nie, sodass die Uraufführung erst in Marseille (1985) möglich wird. Für die DDR-Zensoren ist das Stück eindeutig: Unter dem historischen Kostüm verbirgt sich ein Kommentar zum Fall Brüsewitz, zur Lüge des „antifaschistischen Gründungsmythos“ und zur geistigen Erstarrung einer Gesellschaft, die jede freie Bewegung sanktioniert.
Insgesamt schreibt Harald Gerlach zu DDR-Zeiten ein Dutzend Theaterstücke. Neben seiner Theaterarbeit erscheinen 1978 die „Vermutungen um einen Landstreicher“, ein Zyklus von Erzählungen, in denen Gerlach Gestalten der südthüringischen Landschaft – Landstreicher, Außenseiter, Erinnerungsfiguren – als Träger einer untergründigen historischen Erfahrung darstellt.
1979 folgt der Gedichtband „Mauerstücke“, dessen Texte mit lakonischer Genauigkeit die inneren und äußeren Risse der DDR-Lebenswirklichkeit sichtbar machen.
1984 der Lyrikband „Nachricht aus Grimmelshausen“ als Dialog mit dem barocken Autor Grimmelshausen. Gerlach spiegelt barocke Motive — Krieg, Täuschung, Überlebenskunst — in seiner eigenen Gegenwart. Die Gedichte lesen sich wie ein Nachhall alter Lebensprüfungen in einer neuen, nicht minder widersprüchlichen Zeit. Für „Nachricht aus Grimmelshausen“ wird Harald Gerlach im Jahr 1985 der „Louis-Fürnberg-Preis“ verliehen; eine Auszeichnung für junge DDR-Autoren, die eine „fortschrittliche“ Position in der Literatur einnehmen sollten. Bei Gerlach war dies bemerkenswert, weil seine Lyrik keineswegs linientreu, sondern formal streng, geschichtlich vielschichtig und oftmals unbequem war. Der Preis markiert die erste größere offizielle Anerkennung seines lyrischen Werks in der DDR.
1985 veröffentlicht Gerlach den Roman „Gehversuche“ – eine existenzielle Erkundung verlorener Lebensentwürfe und der Unmöglichkeit, im „Vorwärts“ der sozialistischen Fortschrittserzählung Halt zu finden.
1987 und 1988 erscheinen die Novellen „Jungfernhaut“ und „Abschied von Arkadien“: Erstere eine dichte, psychologisch scharf geschnittene Erzählung über Erinnerung, Verdrängung und Gewalt, Letztere eine historische Rückwendung in das Römhild des 18. Jahrhunderts, in der Gerlach die Lebens- und Liebesgeschichte des Anakreontikers Johann Peter Uz als Spiegel einer verlorenen poetischen Welt deutet.
1989 kulminieren biografische und politische Bruchlinien: Gerlach erblindet fast vollständig, weil die DDR-Behörden die notwendige Operation mit westlichem Implantat lange verweigern. Eine Augenoperation in West-Berlin, ermöglicht durch die Intervention Christa Wolfs, rettet sein Augenlicht – kurz vor dem Zusammenbruch der DDR. Im gleichen Jahr erscheint der Gedichtband „Wüstungen“ — ein topographischer Begriff für aufgegebene Siedlungen — werden bei Gerlach zum Bild geschichtlicher Erschöpfung. Die Gedichte kreisen um Tod, Endzeitstimmung und die Frage, wie viel vom Leben bleibt, wenn Sicherheiten zerfallen. Er selbst sagte darüber, dass, wenn die die DDR nicht zerfallen wäre „[…] es wäre mein letztes Buch gewesen.“
Wendezeit und Neuanfänge (1990–1994)
Mit der Öffnung der Grenzen wird auch Gerlach erneut zum Wanderer — nicht mehr im Modus der Flucht, sondern der Suche nach einem Ort, an dem sich Leben und Schreiben auf neue Weise verzahnen lassen. Die politische Umwälzung bedeutet für ihn keine euphorische Befreiung; zu tief sitzen Verlust- und Verratserfahrungen, zu präsent ist die jahrzehntelange Selbstbehauptung gegen ideologische Aneignung. Und doch: Die innere Existenz öffnet sich einem Raum, den er lange nur literarisch betreten konnte.
1990 erscheint sein Band „Folgen der Lust. Neue Spiele“ (Aufbau-Verlag), der in mehrfacher Hinsicht eine Zäsur markiert: Zum einen bündelt er Theaterstücke und dramatische Miniaturen aus den späten DDR-Jahren – Texte, die vielfach behindert, verstümmelt oder nie aufgeführt wurden. Zum anderen zeigt sich in ihnen ein Ton der Befreiung: ironisch, widerständig, zuweilen spielerisch-derb, aber zugleich durchdrungen vom Ernst der Erfahrung, wie eng Kunst und Zensur sich über Jahre berührt haben. Der Band lässt sich als Übergangswerk lesen: Er verabschiedet das „Theatersprechen der Mangelzeit“, wie Gerlach es später nannte, und öffnet zugleich Raum für das, was sein Schreiben nach 1990 grundiert – eine neue Unabhängigkeit im ästhetischen Zugriff und die Möglichkeit, Landschaft, Herkunft und Geschichte ohne staatliche Vereinnahmung neu zu denken.
Ebenfalls in 1990 erhält Gerlach für sein Hörspiel „Ikaros“ den „Kinderhörspielpreis terre des hommes“. Das Stück wurde als bemerkenswert poetisches Hörspiel über Aufbruch, Grenzen, Scheitern und Mut ausgezeichnet.
1991 erhält Harald Gerlach den „Hörspielpreis des Funkhauses Berlin“.
Ebenfalls 1991 folgt „Einschlüsse, Aufbrüche. Blätter zu sechs Monaten deutscher Geschichte“ (Rudolstadt). Es ist Gerlachs dichterische und essayistische Reaktion auf die Monate der deutschen Wiedervereinigung: Beobachtungen, Reflexionen, Skepsis, tastende Hoffnung – keine Festschrift, sondern ein Versuch, die tektonischen Verschiebungen der Zeit mit der Genauigkeit des Dichters zu registrieren.
1991/92 verbringt Gerlach ein zwölfmonatiges Arbeitsstipendium im traditionsreichen Atelierhaus Worpswede.
Ab 1992 lebt Harald Gerlach mit seiner Familie in Leimen an der südlichen Bergstraße, in einem alten Winzerhaus über einem Keller von 1610. Die Kurpfalz, mit seiner Landschaft zwischen Odenwald und Kraichgau wird für Gerlach zu einer Art drittem Erfahrungsraum, neben dem schlesischen „Vaterland“ und dem thüringischen „Mutterland“. In Leimen entstehen jene späten Bücher, in denen Gerlachs dichterische Handschrift eine neue Klarheit gewinnt: reduzierter, strenger, konzentrierter auf Fragen des Überlebens, der Herkunft und der geschichtlichen Belastung, die seine Texte seit je trägt.
Ebenfalls 1992 erscheint in Hannover „Gedichte und Vermutungen um einen Landstreicher“ als Begleitband zur Verleihung des „Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen“, den Gerlach im selben Jahr erhält. Der Preis würdigt sein Gesamtwerk, insbesondere die Verbindung aus schlesischer Herkunft und poetischer Landschaftskartographie.
1993 erhält Gerlach die „Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung Weimar“. Die Schillerstiftung vergibt ihre Ehrengaben an Autoren mit „herausragender dichterischer Leistung“. Die Auszeichnung unterstreicht Gerlachs wachsende Bedeutung im wiedervereinigten Deutschland.
Das Spätwerk (1994–2001)
1994 arbeitet Gerlach mehrere Monate als Stipendiat im Kunsthaus Erfurt.
Im gleichen Jahr erscheint der Gedichtband „Ecce homo“ als Künstlerbuch, in dem Harald Gerlachs Gedichte jeweils einer Grafik von Michael Morgner gegenübergestellt sind. Diese Konstellation – Wort und Bild im Spannungsverhältnis – schärft den Blick auf Gerlachs späte Lyrik, die den Menschen in seiner Verletzbarkeit, seiner geschichtlichen Erfahrung und seiner inneren Widerständigkeit zeigt.
Ebenfalls in 1994 erhält Gerlach für seine eingereichten Gedichte den „Förderpreis des Lyrikpreises Meran“ und damit einen der renommiertesten Lyrikpreise im deutschsprachigen Raum. Der Förderpreis ist eine besondere Würdigung seiner poetischen Formstrenge und der thematischen Tiefenschichten seiner Lyrik.
1995 erscheint „Zwiefalt. Vier. Vallis Clausa oder Petrarcas Lebensplan“ (mit Radierungen von Alfred Traugott Mörstedt), ein meditativer, dialogischer Band über die Einsamkeit als Voraussetzung dichterischer Arbeit und über die Frage, ob ein Leben überhaupt nach einem “Plan” zu denken sei. Kritiker betonen damals die „asketische Eleganz“ des Bandes – ein Gerlach, der mit Petrarca spricht, aber durch Petrarca zurück auf sich selbst blickt.
1997 wird zu einem Kulminationsjahr im Spätwerk Harald Gerlachs. Mit dem Roman „Windstimmen“ legt er jenes Buch vor, das vielfach als sein reifstes Prosawerk, später als Gerlachs Magnum Opus bezeichnet wird. In Windstimmen verdichten sich Erinnerungslandschaften, historische Tiefenschichten und existenzielle Bruchlinien zu einer vielstimmigen Prosa, in der das südthüringische Gelände – Gleichberge, Wälder, Brüche, Dörfer – nicht Schauplatz ist, sondern handelnde Kraft. Für „Windstimmen“ erhält er den „Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar“ und kann als eine der entscheidenden westdeutschen Anerkennungen seines Prosawerks bezeichnet werden.
Im selben Jahr erscheint der Essayband „Fortgesetzte Landnahme. Fußnoten zum Zeitgeist“ (hrsg. von Wulf Kirsten). In diesen präzisen topographisch-literarischen Miniaturen entwirft Gerlach – nun erstmals ohne die kulturpolitischen Einschränkungen der DDR – eine poetische Ethnographie Mitteldeutschlands. Der Band dokumentiert zugleich die enge geistige Wahlverwandtschaft zwischen Gerlach und Wulf Kirsten: zwei Autoren, die Landschaft nicht idyllisieren, sondern als geschichtlichen Resonanzraum lesen.
Ebenfalls in 1997 erscheint die multimediale CD-ROM „‘Ich habe in die Tiefe der Dinge geschaut‘ — Die vertrackten Wirklichkeiten des Dichters Heinrich Heine“. Gerlach entwickelt für dieses Heine-Porträt kommentierende Texte, biografische Miniaturen und szenische Verdichtungen, die den politischen, poetischen und existentiellen Heine in ein ungewöhnlich vielschichtiges Licht rücken: nicht als ikonisch erstarrte Klassikerfigur, sondern als rastlos Suchenden, als ironischen Gegner jeder Doktrin und als Melancholiker im Exil. Charakteristisch ist dabei Gerlachs Zugriff: nicht die systematische Gesamtdarstellung, wie sie literaturwissenschaftliche Handbücher leisten, sondern ein assoziatives, präzise gefügtes Geflecht aus Zitaten, Kommentaren und essayistischen Einschnitten. Die CD-ROM wird in zeitgenössischen Rezensionen gelobt, weil sie Heines Zerrissenheit zwischen Deutschland und Frankreich, Judentum und Moderne, Ironie und Verzweiflung — durch die Montageform erfahrbar mache. Für Gerlachs eigenes Spätwerk spielt das Projekt eine wichtige Rolle: Heines Doppelperspektive zwischen Heimatverlust und kritischer Zugehörigkeit, sein Eigensinn gegenüber politischen und ästhetischen Moden, aber auch seine körperliche Gebrechlichkeit im Exil finden bei Gerlach unmittelbare Resonanz.
1998, in den Jahren wachsender Anerkennung im Westen, erscheint der Gedichtband „Nirgends und zu keiner Stunde“, den die Kritik als eine der stärksten lyrischen Stimmen Ostdeutschlands nach 1989 beschreibt.
Im selben Jahr erlebt das von Gerlach geschaffene Stück „Reigen“ (nach Schnitzler) in Marseille seine Uraufführung – ein bemerkenswerter Vorgang, da DDR-Autoren der älteren Generation selten im französischen Raum rezipiert wurden. Französische Kritiker würdigen die „präzise Atemführung“ der Dialoge und die „entgiftete Ironie“ des Stoffes.
1998/99 folgt ein weiterer wichtiger Arbeitsaufenthalt im Künstlerhof Schreyahn (Wendland).
1999 veröffentlicht Gerlach den Roman „Rottmanns Bilder“. Es erzählt von einem Mann, der auf verschlungenen Wegen versucht, durch Bilder – reale wie erinnerte – zu sich zurückzufinden. Kritiken sehen darin Gerlachs existentiellstes Prosawerk seit „Gehversuche“.
Im gleichen Jahr erscheint die multimediale CD-ROM „Johann Wolfgang von Goethe: Zeit, Leben, Werk“, an der Gerlach als Autor maßgeblich mitarbeitet – ein ungewöhnlicher Schritt für einen Dichter, der aus der Handschrift, der historischen Tiefe und dem gedruckten Buch kommt. Die CD-ROM verbindet Text, Bild, Handschriftenfaksimiles, Kartenmaterial und historische Dokumente zu einem mosaikartigen Zugang zu Goethes Biografie. Gerlachs Beitrag trägt unverkennbar seine Handschrift: Er nähert sich Goethe nicht museal, sondern als Dichter einem Dichter – mit Blick für Landschaft als Gedächtnisraum, für biografische Brüche und für jene inneren Spannungspole, an denen Lebensform und dichterische Arbeit einander berühren. Für viele zeitgenössische Rezensenten galt das Projekt als Beispiel dafür, wie literarische Bildung im digitalen Zeitalter aussehen könnte: nicht verkürzt oder popularisiert, sondern konzentriert, quellennah und zugleich offen für neue Formen der Darstellung. Für Gerlach selbst wird die Arbeit zu einer intensivsten Begegnung mit Goethe seit seinen frühen Lektüren – ein Wiederanknüpfen an jene geistige Achse Weimar–Römhild, die sein Werk von Beginn an durchzieht.
Im November und Dezember 1999 ist Harald Gerlach „Writer-in-Residence“ am Germanistischen Seminar der Aston University in Birmingham.
Von Januar bis Mai 2000 arbeitet Gerlach auf Einladung des Deutschen Literaturarchivs Marbach im dortigen Gästehaus.
Der für das Jahr 2000 zugesagte Stipendienaufenthalt in der Villa Massimo (Rom) muss aufgrund von Sanierungsarbeiten verschoben werden. Gerlach kann ihn später krankheitsbedingt nicht mehr antreten. Das dafür vorgesehene Thüringer Stipendium nutzt er für eine letzte Italienreise im Frühjahr 2001.
Am 19. Juni 2001 stirbt Harald Gerlach an den Folgen eines Hirntumors im Alter von 61 Jahren im Kreise seiner Familie in Leimen. Noch im weiteren Verlauf seines Todesjahres erscheinen zwei Werke, deren Inhalt von Gerlach zwar ausgearbeitet war, deren Veröffentlichung er jedoch nicht mehr miterleben konnte:
Der Roman „Blues Terrano. Neue Windstimmen“ führt motivisch dort weiter wo „Windstimmen“ eingesetzt hat: erneut stehen schlesische Herkunft, Siedlungsgeschichte, Familienmythen und die Spannungen der DDR-Zeit in einem weiten historischen Bogen zueinander. Der Erzähler wandert durch Landschaften der Erinnerung, durch Zeiten politischer und persönlicher Erschütterung, und versucht, in der Bewegung Halt zu finden. Rezensionen sprechen von „dichterischer Konzentration bis an die Grenze des Sagbaren“ und einem „Abschiedsbuch, ohne Abschiedston“.
„Die völlig paradiesische Gegend. Auf Goethes Spuren zwischen Rhein, Saar und Mosel“ dokumentiert Gerlachs Reise in jene Regionen, die für ihn — wie auch für Goethe — Landschaft, Geschichte und Erinnerung vereinen. Mit einer „Spurensuche“ von Wulf Kirsten und einem Nachsatz von Ralph Schock wird der Band zu einem literarischen Übergangswerk: Er verbindet Gerlachs eigenen Blick auf Heimat und Landschaft mit der Erinnerung an literarische Tradition. Der Band ist zugleich Mahnung und Hommage — Ausdruck seines unerschöpflichen Interesses an Geschichte, Spurensuche und geografischer Identität.
Nachleben (ab 2001)
In den Folgejahren entstehen weitere posthume Veröffentlichungen:
2004: „Man liebt nur, was einen in Freyheit setzt. Die Lebensgeschichte des Friedrich Schiller“ Dieses Werk interpretiert Gerlachs Wertschätzung für Freiheit und inneres Selbstverständnis neu: In der Biografie Schillers findet Gerlach eine literarische und existenzielle Resonanz. Der Band zeigt, wie sehr Gerlachs dichterische Haltung mit dem Ideal der Freiheit verbunden war — und wie er dieses Ideal an einen deutschen Klassiker rückbindet.
2006: „Gelassener Schritt am Rande des Abgrunds. Goethe oder wie man mit Krisen leben lernt“ In diesem Essayband entfaltet sich Gerlachs späte Reflexion über Existenz, Wandel und Katharsis. Unter Rückgriff auf das Leben und Denken Johann Wolfgang von Goethes analysiert Gerlach Krisen als Prüfstein menschlicher Würde — und zeigt, wie Literatur und Leben sich wechselseitig stützen können. Der Titel verdeutlicht auch, wie Gerlach bis zuletzt seine philosophisch-literarischen Interessen bewahrte: nicht als nostalgischer Rückblick, sondern als lebendige Auseinandersetzung mit Gegenwart, Erinnerung und Hoffnung.
2009 wird das Thüringer Literaturstipendium Harald Gerlach ins Leben gerufen.
2010: „aber du der ich war. 100 Porträtgedichte aus drei Jahrzehnten“ Dieser Gedichtband — Herausgegeben von Bettina Olbrich (Gerlachs Witwe) zusammen mit Ulrich Kaufmann — versammelt ein breites Spektrum persönlicher, literarischer, gesellschaftlicher Porträts und zeigt Gerlachs Fähigkeit zur feinfühligen, verdichteten Reflexion. Über drei Jahrzehnte hinweg entstanden, dokumentieren die 100 Gedichte ein Werk vollständiger Innerlichkeit und poetischer Genauigkeit.
Ebenfalls 2010 erscheint mit „So ist alles gesagt. Ausgewählte Texte 1972–2000“ eine Auswahl von Gerlachs Schlüsseltexten — Gedichte, Essays, Reflexionen, Prosa — über fast drei Jahrzehnte. Der Band fungiert als eine Art „Best-of“, gedacht als Einstieg und Überblick für Leser, Forscher und Freunde seines Werkes. In der Sammlung zeigt sich die thematische und stilistische Bandbreite Gerlachs: Heimat, Exil, Geschichte, Landschaft, Krise, Sprache. Der Band vermittelt, wie sich seine literarische Stimme über Jahre hinweg entwickelt hat — klar, direkt, doch vielschichtig. Herausgeberin des Bandes war erneut die Witwe Harald Gerlachs (Bettina Olbrich), die selbst an den Folgen einer Krebserkrankung am 28.10.2024 verstarb und bis zu ihrem Tod den literarischen Nachlass Harald Gerlachs lebendig hielt.
2026 wird der durch und um die Stadt Römhild führende literarische Wanderweg „Zum Greifen nah die Landschaft – eine literarische Wanderung auf Spuren des Dichters Harald Gerlach“ eröffnet.